DIE RE/PRÄSENTATION DES SCHWULEN SEX: DAS VERLORENE PARADIES

Als ich ein für mein Wohnzimmer gedachtes Bild fertig gestellt hatte, kam einer meiner besten Freunde - Jürgen - zu Besuch und ich diskutierte bei dieser Gelegenheit den darauf dargestellten Inhalt, der von nackten Tatsachen nur so strotzte, mit ihm, da ich in meiner Wohnung am Umräumen war, um meiner von mir am selben Ort beabsichtigten, professionellen Tätigkeit als Lebensberater nach zu gehen.

Bei dieser Gelegenheit sprach ich den offensichtlichen homo-sexuellen Ein- wie Ausdruck des gesamten Konzeptes an, etwas über das ich mich mit Jürgen, erstaunlicherweise, noch nie unterhalten hatte. Obwohl dieses Thema in Summe ein sehr natürlicher und wichtiger Bestandteil nahezu jedes meiner Bilder ist, befragte ich zum ersten Mal jemanden direkt über dessen unterschiedliche Möglichkeiten der Betrachtung und meine Gedanken, dass es jemand als Porno, womit ich sagen möchte, als etwas Anstößiges, wahrnehmen könnte. Jürgen hörte mir aufmerksam zu und meinte schlussendlich:"Sorry Bester, aber ich kann in diesem Bild wirklich nichts Pornographisches erkennen!"

Sein Statement zu hören war für mich witzig, als auch weise. Denn was er damals damit sagte, ist, dass die Absicht hinter der Zurschaustellung von Nacktheit für den Betrachter – wenn er offen genug dafür ist – einfach offenbar spürbar ist. Aktuell bin ich in Sachen der Wahrnehmung männlicher Nacktheit und mann-männlicher Sexualität, aber auch anderer Formen veröffentlichter und gezeigter Sexualität dahin gelangt, diese als einen integralen Bestandteil der Moderne zu verstehen.
Andere vermuten das ja mittlerweile auch und somit erreicht diese Erkenntnis ihren Tiefpunkt darin Sexualität allgemein als einen bloßen Behelf zu verwenden, um andere Dinge anschaulich und wertvoll zu machen, was zu einer weit verbreiteten und schmählich angewandten Masche wurde – wie wohl es sich auch mit dem Begriff der Postmoderne verhält: Sex sells.

Denk einmal bloß an einige Werbungen, die du täglich und leicht erreichbar sehen kannst. Dieser Umstand soll im Weiteren nicht eingehender besprochen werden, da du mit Sicherheit genug Informationen darüber hast und dir selbst immer wieder auf's Neue ein Bild davon machen kannst. Oder – falls nicht – dann lass dich, alsbald du die Gelegenheit zur Betrachtung solcher Eindrücke hast, in deine Wunschträume und Gedanken dazu fallen.

Nacktheit war stets durch die Jahrhunderte hinweg ein Fall höchsten Interesses für die Kunst, obwohl sie gleichzeitig als ein Ideal, wie auch als eine Schande interpretiert wurde. Somit war sie verzwickt und kam so oder so in Verruf. Wir können unsere voreingenommenen Meinungen auf diesem Gebiet immer noch erfahren. Die dadurch bis ins Taube übersteigerte Spannung war nicht besonders erotisch, denn alles in allem wurde ihr Charakter grausam, hinterhältig und gefühllos, obgleich sie beschönigend vorgab genau das nicht zu sein und stets irgendwelche angeblich sinnvollen Ideale zu verfolgen. Die meisten schwulen Männer und viele Menschen anderer sexueller Orientierungen - selbst die Heterosexuellen - trieben unglücklich in ihr eigenes Verderben.

Prostitution, die Porno- und die Nudistenbewegung, zu der ich vereinfachend auch alle reformerischen Bewegungen, inklusive der Antikenrezeption zähle, haben uns aus einem sinnlichen Desaster befreit und daraus ein politisches gemacht. Frei ist nur, wer auch über seinen Körper verfügen kann!
Nichts desto trotz haben selbst diese Bestrebungen die Spießbürgermoral zu bekämpfen, eine durch eben dieselben Regeln auferlegte Bestimmung genommen und es gibt viele Beispiele, die auf ungehobelte und miese Art bis auf den äußersten Grund der Sexualität gehen, um noch irgendeinen Sinn zu ergeben, während wir uns, neben der Tatsache einfach Sex zu haben, auf einem sehr weiten Gebiet der sexuellen Handlungen wieder finden, welches mithin auch horrend banalisiert wird. Das Prädikat S e x f i l m verdient nun wirklich nicht jeder Streifen, der uns nackte Haut präsentiert!

Sex beginnt mit einer ernst zu nehmenden und sexuellen Anziehung, die für jeden von uns auf einem anderem Aufmerksamkeitslevel beginnt. Aufregung, Erotik und Lust wollen von etwas, das jeder von uns selbst einbringt, ausgelöst werden. Die auf meinen Fotos oder in meinen Videos auftretenden Männer sind voller bereitwilligem Verlangen dieses auf Film bannen zu lassen und von einem Publikum angesehen zu werden. Für einige war das sexuelle Handlungsmoment die Neugier, die sie mitbrachten, für andere zusammen mit ihren Liebhabern und ihrer Absicht, die gemeinsame, sexuelle, wie zärtliche Zuneigung zu zeigen, gegeben, andere wiederum spritzten aus anderen Gründen ab – vielleicht auch weil ich dabei war. In meiner Aufgabe die Regie zu führen, fand ich deutlich heraus, dass es die wichtigste Aufgabe ist sich auf die für jeden einzelnen einzigartige Motivation einzulassen.

Ich finde meine Sexualität als eine homosexuelle, BDSM - orientierte und in ihren Identitäten variierende gut aufgehoben und in einer engen Verbindung zu meinen Vorstellungen von Ästhetik und künstlerischem Ausdruck. Es ist der Körper selbst und seine Bewegungen, die ich beschreibe. So kann auch eine völlig abstrakte Annäherung an diesen eine überaus erotische sein. Es ist der menschliche Spielraum sich darin zu spiegeln und seine Blüten, die ich auf eine Bühne bringe. Somit ist es von besonderer Bedeutung gerade auch die Sexualität auftreten zu lassen und sie mit anderen gesellschaftlichen, wie sozial einfach vorhandenen Verhaltensweisen zusammen zu bringen.

Viele Menschen, die ich treffe - viele schwule Männer miteingerechnet - sind auf der einen Seite von meinen Ideen den schwulen Sex zu zeigen geschockt, auf der anderen Seite aber zutiefst in deren praktische Auswüchse eingebunden. Meine Arbeiten lehnen sich an eine gepflegte und entwickelte Überlieferung Homosexualität darzustellen an und machen diese in ihrer Vielfältigkeit sie zu leben und deren emotionale, sexuelle und intellektuelle Kräfte sichtbar, um sie auch als Kraftstoff für Kommunikation, egal ob diese nun aus einem emotionellen, einem sexuellen oder einem intellektuellen Antrieb besteht, zur Verfügung zu stellen. Sex kann eine sehr sinnvolle und produktive Art sein jemanden kennenzulernen und man dabei aufgeklärt genug ist auch mit dem eigenen Schamgefühl klarzukommen.

Porno als Form käuflicher Darstellung von inszenierter Lust ist etwas, das wir alle kennen; zumeist trennen wir aber diese privaten Vorstellungen der Schaulust von unserem restlichen Leben, um mit der uns umgebenden sozialen Moral, oder unserer eigenen, erwarteten ins Reine zu kommen. Porno für die Lust am Porno oder an der Geilheit als solcher ist etwas, dem wir weit weg von jedem Gedanken darüber der uns nach dem Höhepunkt bewegen könnte, nachgehen. Ich denke ernsthaft, dass gerade dieser Mechanismus die visuelle schwule Sexkuktur gegenwärtig am meisten prägt.

Dieser erotischen Aufnahme, Erziehung, ihren Forderungen und wie sich das alles zusammen auf das Individuum und auf die schwule Szene als ein vorgelebter Lebensstil auswirkt, wird jedoch kaum nachgegangen. Es ist hier tatsächlich der Zweck, der die Mittel heiligt. Darüber hinaus war der schwule Porno in seinen ungeschriebenen Gesetzen und der deutlich sichtbaren, inhaltlichen und emotionellen Logik bislang einfach glaubwürdig. Inzwischen hat sich sehr viel ereignet, vieles wurde mit Fug und Recht probiert und anderes schlichtweg getan. Die Forderungen nach Freiheit und nach Bürgerrechten der Sechziger, die ästhetische Orgie und der schöne Schein der Siebziger Jahre wurden durch das queere Auge anders begriffen und gestaltet, als es dann in den Achtzigern in Gestalt von ACT-UP (Aids Coalition To Unleash Power) notwendig wurde und es in den Neunziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts in Form einer globalen Feier des Lebens wichtig und richtig war. Was aber nun? Post-Millennium? Im vielfachen und vielfach unverstandenen Erlebnisraum unabhängiger, oder zumindest als unabhängig phantasierter, aber dennoch mithaftender, sich verbinden wollender Selbstverantwortung? Die Krise kriegen? Auf alles scheißen? Cool bleiben, modisch handeln oder doch lieber allen mit allen Mitteln zeigen, wo es lang geht?

Es zeigt sich also, dass diese Ideen von Freiheit und von Politik, Ästhetik, Orgie, Kondombewusstsein und Party im jungen 3.Jahrtausend immer noch hoch im Kurs stehen. Darauf Bezug nehmend, wundert es nicht, dass Safe Sex via Safer Sex auch in der Pornoindustrie schlußendlich zum Lippenbekenntnis wurde, viele Produzenten wie Akteure in diesem Gewerbe erotische Phrasen dreschen und keinerlei Zusammenhang mit einer erlebten, wie einer lebbaren Wirklichkeit mehr besteht. Nicht umsonst bemühen sich gerade auch BareBack Produzenten darum im Vorspann darauf hinzuweisen, dass es sich bei allen im Anschluß gezeigten Handlungen um bloße Fantasie und nicht um Realität handelt. Homosexualität als Angelpunkt für schwule Identitäten entfällt komplett, was bleibt, sind die sich selbst wiederholenden Vorstellungen anderer, denen auf die eine oder andere Art Genüge zu tun ist.

Der schwule Mann in seiner ganzheitlichen Lebensrealität fällt im schwulen Porno nur unangenehm auf. Die Hintergründe der mann-männlichen Erotik – sofern sie sich nicht geschmacklos oder fade fügen – entfallen ebenso, somit auch jede Gefühlspalette, persönliche Erfüllungsmöglichkeiten werden gegen letzte Versprechungen eingetauscht. Nicht umsonst gipfeln Homopornos derzeit generell in Massenfickereien, die eine verloren gegangene Liebe zu beschwören suchen, diese aber im selben Atemzug abkanzeln und korrumpieren, wenn sie gleichzeitig signalisieren, dass es ohnedies kein Morgen gibt, wobei das wiederum dadurch symbolisiert wird, dass es zu keinem – ich wiederhole – zu keinem Kondomeinsatz kommt! Das aber entwertet, ehe es die schwule Liebe überhaupt berührt, die Freuden des anonymen Sex zu aller erst. Was ich überaus bedauerlich finde. Beides zusammen ergibt jedoch ein Katastrophenszenario.

Filme und im weiteren eine Gesellschaft, die den Sex mit und ohne irgend eine Bindung als ein Ventil für den ganzen anderen Stress abfeiern und dabei an einen noch irgendwie zu erschwindelnden Profit denken, können keine Rücksicht auf die dabei zu Schrott gefahrenen Menschen und deren andere Aspekte emotioneller oder ideeller Art nehmen.
Es ist also wichtig neu zu denken und neu zu bestimmen!

Was zu aller erst zur Diskussion – wohlgemerkt nicht zur Zensur – steht, ist die Vielzahl an audiovisueller Informationen, die schon vor der filmischen Aufnahme, oder während des Schneidens völlig überarbeitet wird, um in der Realität grundsätzlich gegebene Umstände als eine Erfindung hinzustellen. Das hat im Grunde nichts mit einem filmemacherischen Effekt zu tun. Es dreht sich vielmehr um die ungefilterte, oder absichtlich geäußerte Botschaft eines Filmes. Deshalb sind gerade Barebacking Pornos sehr problematisch, denn die negativen, zerstörerischen Aspekte jeder Sexualität drehen sich hier ohne Schwung mit den positiven, liebvollen Anteilen des Sexes. Es geht um Quote, nicht um Sex. CIR bezieht einen klaren Standpunkt für schwule Sexerlebnisse aus erster Hand. Deshalb kann sexuelle Ausbeutung diesbezüglich niemals das letzte Wort haben.

Du kannst ein schwuler Liebhaber, ein schwuler Aktivist, eine männliche, homosexuelle Hure, oder alles zusammen sein auf deiner Reise zu Lebenserfüllung, Liebe, Sex oder Bürgerrechten, oder während du dabei sein solltest das alles auf einmal erreichen zu wollen. Das alles wurde, nachdem die schwule Gemeinschaft in der Vergangenheit viel zustande gebracht hatte, möglich, so wie sie sich auch jetzt erfolgreich für die essentiellen Anliegen unserer Zeit erneut stark macht und die schwule Befreiungsbewegung insgesamt sich mittlerweile auch selbst an ihre eigenen, nächsten Generationen wenden und dabei ihre gesammelte Geschichte tradieren kann.

Überlege dir deine persönlichen Ziele im Leben, die Risiken, die du wirklich zu übernehmen bereit bist und die Konsequenzen, die daraus resultieren! Denn oftmals, wenn wir denken, dass wir den Schlüssel zur Zukunft überhaupt nicht mehr finden, findet sie uns!