MYSTORY

Schon zu Beginn meiner kreativen Arbeit nahm ich die Kunst als solche nicht nur als Form der Kommunikation und der Interaktion wahr, sondern ebenso als ein vielgestaltiges Medium, um meinen Standpunkt und meine Sicht darzustellen. Die mir daraus zuwachsenden, verschiedenen Verbindungen waren für mich sowohl bezüglich ihrer praktischen Umsetzung als auch ihres theoretischen Wesens nach Gegenstände meiner Überlegungen, da ich diese als einen Vorgang, eine Bewegung und einen Prozess des Verstehens begriff.

Meine frühen Zeichnungen waren für mich eine erfreuliche Aufgabe und ein Teil meiner restlichen Fantasien und meines Spiels, aber noch ohne ein bewusstes Kunstwollen, wohl aber mit einem Sinn für Zusammensetzung und Gestaltung. Alles was ich seit dem jedoch aufbaue, ging erst so richtig los, als ich auf Papier zu denken und zu fühlen anfing. So zogen mich das Schreiben und das Zeichnen vollends in ihren Bann, um für mich Mittel meiner Forschungen und meines Ausdrucks zu werden. Ich stand bereits von da an auf meinen eigenen Beinen, realisierte jedoch ebenso rasch, dass eine Pionierleistung von mir verlangt war um meinen eigenen Weg zu gehen, weil ich in jeder Hinsicht unbequem, gleichzeitig aber trendy und neu war, was ich auf meine Weise eben stets bin. Während mich der offenbar dazu gehörende Druck völlig fand, schaffte ich es - und das muss leider gesagt werden - mittels Drogen weiterzumachen und mein Bewusstsein weiter zu machen. In kurzer Zeit fiel das bourgeoise-aristokratische Bild, in das ich hineingesetzt war, auseinander.

Die Unternehmungen dieser Phase von 1988-1990 waren sehr zart und verträumt, wie von einer erst hervor strebenden Materialisation ergriffen. Die verschiedenen Einflüsse arbeiteten zusammen und rückblickend stelle ich fest, dass diese sich räkelnde und gleichzeitig verschwiegene Wildheit gerade die emotionellen und ebenso sehr intellektuellen Strömungen von "New Romance" und "Blitz" , den seltsamen Charme einer ganzen Generation widerspiegeln, der nicht umsonst bis in unsere Gegenwart hinein bezaubert. Nichts desto trotz möchte ich die Achtziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts, in denen ich zur Grund- und zur Höheren Schule ging, als eine Zeit beschreiben, die ihre Spur in der Geschichte hinterlassen hat und sie heutzutage entschieden als eine Periode des Todes und eines drastischen Verlangens neu zu beginnen, verstanden wissen; ihr braucht euch nur an das politische Ende des Kalten Krieges zu erinnern, den Fall der Mauer in Berlin, die öffentliche Bewusstwerdung der atomaren Bedrohung und der Umweltverschmutzung und an das Aufstehen der "Act-Up" Bewegung gegen AIDS.

Ich fand mich selbst in einem extremen seelischen Aufruhr wieder, rutschte in Melancholie und Niedergeschlagenheit und in eine Transformation. Die ganze Situation kotzte mich an und ich verstand auf eine Art, dass die Leichtigkeit eines Sexes, den ich bis dahin noch nicht einmal in der Realität schmecken konnte, dahin war. Meine Schwester Barbara wurde für mich insofern ein Vorbild, da sie sich politisch interessierte und etwas über gesellschaftliche Vorgänge wusste. Ich nahm an ihrem Tun Anteil und begann einige ihrer Bücher zu lesen, unter anderem eines, das als Richtlinie für den Umgang mit der erworbenen Immunschwächekrankheit gedacht war, und ich war begeistert von ihren Magazinen, wie etwa dem früher fabelhaft gut geführten "Wiener". Meine Freunde und ich waren hoffnungsvoll und elegant im „Punk“- und „Gothic“-Stil unterwegs und dabei verzweifelt und vergiftet, jedoch mutig und stark genug in einer gefühlvollen Obsorge für einander da zu sein. Ich fühle mich verpflichtet diejenigen in Erinnerung zu halten, die es einfach nicht mehr aushielten und durch Selbstmord und/oder Überdosis ihrem noch nicht einmal richtig begonnenen Leben ein Ende setzten. Alles war black, out and dark ohne Aussicht auf eine jemals eintretende Veränderung der Verhältnisse. Es war schrecklich und herzzerreißend schillernde Menschen einfach von der Bildfläche verschwinden zu sehen. Ich meine damit, dass sie jung, aber schon kaputt waren. Für das Erstere konnten sie nichts und das Zweitere war wohl weniger ihre Schuld, als vielmehr die anderer. Am Ende kriegte ich die Kurve aus diesem Chaos. Ich konnte dieses Sterben lassen und den damit verbundenen Body-Count nicht mehr länger ertragen.

Ich machte mich auf in die Großstadtlichter Wiens und in die Befreiungsbewegung der Schwulen der aufdämmernden Neunziger Jahre. Meine Bekannten aus einer Stadt namens Klosterneuburg in Niederösterreich haben mir das große Geschenk der Freiheit gegeben. Befreit zu sein aus spießiger und dummer Grausamkeit, durch die ich in schier endlosen und vernichtenden Ritualen gehen musste und die mir einiges dessen, was sich unter der Oberfläche des Wegschauens und der Verharmlosung abspielt, gezeigt haben. Ihr könnt euch so sicherlich vorstellen, dass die Bilder und Gedichte, die ich damals niederschrieb sehr leidenschaftlich, wenn auch zerbrechlich waren. Es dauerte bis sie sichtbarer und sich selbst mit ganzem Inhalt zeigen und somit dann auch für andere zu einer Inspiration werden konnten. Ich war bereit auf Gedeih und Verderb die Leinen los zu lassen und erfreulicherweise wurde die zu mir kommende Eingebung enorm groß. Aus diesen mysteriösen Begebenheiten entdeckte ich meine Kraft zu produzieren, die Fähigkeit Ideen und Gefühle einzufangen, zu formen und in Bildern und in Worten zu verdichten. Ich wurde bereit über das was ich für zu sagen als wichtig erachtete, zu sprechen, was mir wiederum Veränderung zutrug.

Ich lernte meinen ersten Liebhaber Lothar an einem Punkt in meinem Leben kennen, da ich fertig war mit Flirten und meiner Art mit allem klar zu kommen. Wir waren beide starke Teile der gesamten, in den Wendejahren 1989/1990 fluktuierenden Mischung. Er war noch um einiges intensiver als der Rest des hausgemachten Jet-Set, nahm schwere Drogen, um auf seine Weise ein Gleichgewicht zwischen den Gegensätzen zu halten, während ich selbst ins Weltall abhob und meine Vorlieben für die elektronische und schwule Szene intensivierte, die mich in Gestalt des "Acid" im "Reigen"-Lokal und anschließend in Form der Schwulennacht "Heaven" des weltberühmten "U4" einfach kongenial fand. Dieser Abend war gerade frisch von Artur, einem der wichtigsten, schwulen Aktivisten der Wiener Gay Scene, der im Leben vieler, junger Homosexueller, wie auch in meinem, eine Rolle spielte, gegründet worden.

Ich vernachlässigte meine Herkunft nicht, aber überarbeitete diese in dem ich mehr und mehr in die österreichische Hauptstadt übersiedelte und dort die Schule 1991 abschloss, was im Vergleich zu meiner vorherigen katastrophalen, diesbezüglichen Lage eine Ausnahmeerscheinung, sprich ein regelrechtes Wunder war. Nach wie vor auf Alkohol und anderes Zeug ausgeflippt, riss ich das Steuer mal so, mal so herum, um einen für mich brauchbaren und wieder erkennbaren Kurs zu finden und um weiter auf meinen Weg zu gelangen und auf diesem voran zu schreiten. Es war offensichtlich, dass ich den größeren Teil meiner Klosterneuburger Gang verlassen würde, als auch sie mir abhanden kamen, habe ich seit dem nichts mehr von ihnen gehört:
Manu, Harald, Sabine, Michaela, Uli.

Mit Markus, einem gleichaltrigen, schwulen Jungen von nebenan, Elisabeth, einer Haschisch rauchenden, weitherzigen Büroangestellten und anderen neuen Bekannten, wie etwa Daniel, einem künstlerisch begnadeten, leider schwer LSD- abhängigen Weltenbummler, begann ich ein schwungvoller Bengel zu werden, der das Leben mehr und mehr genoss.
Wie auch den Sex. Meine erotischen Erfahrungen waren mehrdeutig und stets von neuem wechselnd, ich fühlte mich gefangen zwischen den Stühlen, heterosexuelle Männer zogen mich an, wiesen mich aber ebenso zurück, heterosexuelle Frauen wollten mich, ich aber wollte so sein wie sie. Ich musste mich selbst als eine Person jenseits männlicher und weiblicher Vorstellungen irgendwo anders entdecken, als es mir der heterosexuelle Lebensstil und dessen Fortschritt zu gehen erlaubten. Ich tanzte beständig aus der Reihe und tue das immer noch, da ich meine Qualitäten stets mische, um meine ureigene Energie freizusetzen. Während ihr euch diese Internetseite anseht, werdet ihr mit Sicherheit auf Teile meiner Vergangenheit, meiner Gegenwart und auf meine futuristischen Vorstellungen von mir selbst stoßen, die diese Tatsache ziemlich klar darlegen.

Schwul und eine Trans-x Persönlichkeit zu sein, ist eine große Freude und eine ebenso große Herausforderung. Manchmal bewege ich mich zu einem allgemein anerkannten Bild von Männlichkeit hin, dann wieder werde ich von Mal zu Mal weiblicher oder zumindest kulturell femininer und manchmal findet ihr mich irgendwo dazwischen. Dass es diese Entwicklungen auch im Mainstream gibt, ist evident, es wird nur nicht diskutiert. Ich habe aufgehört mich selbst mittels hetero-/ sexueller oder gesellschaftlicher Definitionen zu interpretieren. Ich bin ein Mensch, der vor allem sein Leben lebt und allein schon daher die verschiedenen, mich ausmachenden Aspekte zusammenführt. Der Rest ist Niemandsland, oder Verlegenheit und aus manchem Grund eingebürgerte, strukturelle Gewalt und Machtausübung, um schlicht die Genderdiskussion abzuwürgen. Die neon farbenen Schulterpolster T-Shirts und die schwarzen Milanos der Achtziger wichen nicht ohne Grund dem Kurzhaarschnitt und dem Clubbing Make-up der Neunziger. Weiße Cowboystiefeletten läuteten für mich das Millennium ein und der Beginn des neuen Jahrtausends brachte mir meinen SM-Look. Nicht ohne Grund verändern wir uns, was die Mode ja sichtbar präsentiert und nicht ganz ohne Grund werden verschiedene Stile - immer wieder - en vogue.

Mit Lothar hatte ich einen liebevollen, klärenden, befreienden und sehr leidenschaftlichen Höhepunkt erreicht, wenn wir auch, das was wir hatten, wieder verlieren mussten. Es war einfach zu viel in zu kurzer Zeit. Ich konnte mich von all dem nicht ganz leicht erholen, ich litt wahres und tiefes Herzeleid, das mich auch dazu bewog eine psychiatrische Klinik aufzusuchen. Dank einer Frau, die sich selbst wegen eines Nervenzusammenbruches - wie ich - hatte einweisen lassen und ihrer guten Ausstrahlung, gelang es mir meine ganze Lage zu durchschauen und ich verließ die Anstalt praktisch über Nacht. Mir war klar geworden, dass nur wer sein Leben lebt, es auch lieben kann.

Meine ersten Schritte mich wieder zu verlieben, waren überschattet von Sorge und Trauer, schrecklichen emotionellen Schmerzen, Scham und der Schuld nicht in der Lage gewesen zu sein die große Liebe meines Lebens bewahrt, versagt, zu haben, deshalb entschloss ich mich zwar dazu mich in der Szene zu bewegen, aber mich selbst von amourösen Verwicklungen fern zu halten. Ich brauchte Zeit mein gebrochenes Herz wieder zu heilen. Ich erinnere mich an die Gesichter von vielleicht liebenswerten Männern, deren Namen ich mittlerweile leider vergessen habe und die mir ein Trost waren, wenn auch ich ihnen wahrscheinlich keiner.

Just da traf ich Jürgen zum ersten Mal im "Why Not", einer immer noch angesagten und ursprünglich aus den Siebziger Jahren stammenden Schwulen-Diskothek. Als wir uns am Beginn dieser Epoche über den Weg liefen, hätte wohl keiner von uns beiden gedacht, dass sich daraus eine langjährige Freundschaft entwickeln würde. Mit ihm und einigen alten, beziehungsweise aufs Neue vorhandenen, Bekannten aus Klosterneuburg organisierte ich auf einem verlassenen Fußballplatz ein Technofest, was damals noch eine verpönte und echte Sensation war und 1992 eine ansehnliche Ausstellung in den Kellergewölben einer Finanzbank. Die Gemälde und Bilder waren kindlich und mondän im selben Atemzug, auch heute noch erfasst mich eine große, fast Furcht erregende Freude wenn ich sie betrachte. Eine Besucherin wollte eines der Tableaus kaufen, als ich mir darauf hin den Kaufpreis erst überlegen musste, verließ sie die Veranstaltung. Dieses Beispiel beschreibt meine generell eher paradoxe und ungewöhnliche Beziehung zu Geld und Verkauf ganz gut. Jetzt bin ich froh dieses Bild, meine Version des St. Sebastian, einem auch für die Schwulen sehr wichtigen christlichen Märtyrer doch noch zu besitzen. Die herausragende Überschrift all dieser Werke war "Hoffnung, Glaube und Liebe", ein Titel, der mir durch die Lektüre eines absurden und tragischen Theaterstückes nahe gebracht wurde und viel von dem widerspiegelt, was ich damals fühlte und dachte. Aus all dem erkannte ich was "Gay Pride" - also schwuler Stolz - für mich wirklich bedeutet.

Nach der ersten Begeisterung für "Dancefloor", "Acid", "Rave" und "Techno", kam der mittlerweile als klassisch zu bezeichnende "House"- Sound nach Wien und ist auch heute immer noch nicht über zu bewerten. Ich war total erfrischt und überrascht von dieser Art der Musik und wir waren voll drauf. Jürgen und ich lebten damals einige Zeit zusammen, was wir von da an immer wieder in Abständen getan haben. Ich verliebte mich in Adam und zog in ein Punk-Apartment im dritten Bezirk von Wien ein, was nach Einklage des Nachlasses einer, meiner, von mir sehr gemochten Großmütter möglich war. Kaltes Wasser, keine Zentralheizung und Toilette am Gang inbegriffen. Sie war eine sehr taffe Frau. So wie ich eben auch.

Ich war völlig frei dort und die meisten meiner Gäste, die ich an dieser Kreuzung empfing, fühlten sich überaus wohl und inmitten von Chaos und Order sehr entspannt. Adam und ich waren 1993 frisch Verliebte und zelebrierten jeden Tag unserer Beziehung. Wir fuhren nach Bad Gastein, einem Ort, den man in Österreich wegen seines verlorenen Glanzes gut kennt, da er in der Nähe der ehemaligen Kaiserresidenz von Bad Ischl liegt und nach Warschau, Krakov und Sopot einigen der großen Städte Polens, Adams Heimat, zu den Clubbings im Technischen Museum, die zu den heißesten Plätzen für Wiens Spät-Yuppie- und Undergroundkultur gehörten und zu den mittlerweile Ex-Yugoslawischen Verkäufern am Brunnenmarkt in Ottakring, das eines der geschäftigsten Einwandererviertel in Österreich ist. Wir waren Bummler die Hand in Hand durch die Welt gingen, bis eben das plötzlich zu Ende ging. Der Traum war nicht geplatzt, nur geträumt. Als ich Adam zuletzt sah, musste ich weinen, dann wandte ich mich ab, um neu zu beginnen.

1994 absolvierte ich meinem Zivildienst am Otto-Wagner-Spital, einer der bekanntesten Kliniken im österreichischen Gesundheitsbereich und meine zweite Ausstellung in der "Rosa Lila Villa", einem der ersten Zentren der schwulen, lesbischen und Transgender orientierten Kultur in Wien, das aus einer mutigen Hausbesetzung junger Punks hervorgegangen ist.
Diese Bilder reflektierten Wut, Rebellion gegen bestehende gesellschaftliche Muster, den Ausbruch aus der österreichischen Geschichte und sie waren voll mit homosexuellen Themen. So ist es kein Wunder, dass ich das Ganze mit dem Wort "Xplodiere!"/ "Xplode!" betitelte. Durch diese Ereignisse verschwanden die letzten Überbleibsel der Vergangenheit und ich war bereit für die Zukunft. Ich war bereit, mich wieder zu verwandeln.

Da traf ich im "U4", meinem Sinnbild des Universums, auf DJ Sirius, der dort im "Heaven" die Turntables rotieren ließ und diese Bekanntschaft brachte mir einen neuen Traum: "House Of Sirius". Seine Idee war die Schaffung einer Plattform für schwule Männer und die queere Generation der Party-People und im Grunde für jeden der mochte, damit sie sich künstlerisch und glänzend auf der Bühne und wo auch sonst immer ausdrücken konnten. Ich war immer noch auf der Suche nach einer passenden Ausbildung im Kunstbereich und war enttäuscht über meine fehl geschlagenen Versuche diesbezüglich, die letztlich aus meiner totalen Unangepasstheit resultierten. Selbst da ich bereits für Klassen aufgenommen worden war, geschah jedes Mal etwas völlig Unvorhersehbares und zerstörte das Erreichte. Es war wirklich tragisch, absurd und...innovativ!

Ich musste das akzeptieren, was mir damals sehr schwer viel, da ich mich unsäglich verletzt und missverstanden fühlte, während ich jetzt im Nachhinein damit zufrieden bin, wo ich begreife, dass Sirius mein Lehrer in Sachen Schöner und Angewandter Kunst über Jahre hinweg gewesen ist und er diese Aufgabe sehr gut gemacht hat. Ich wurde mit einer größeren, schwulen Gesellschaft bekannt, mit ihren Spielregeln und ihrer Freiheit. Die schwule Hardcore-Szene kann verzehrend sein und muss es wohl auch. Gib auf dich Acht, denn ein Holzscheit geht in Flammen auf, wenn es ins Feuer geworfen wird! Ich wurde innig gebraucht und genutzt und ich brauchte und nutzte diese Verwicklungen gleichermaßen intensiv. Wir arbeiteten zusammen, erfanden Konzepte für Shows und intellektuelle Inhalte hinter dem theatralischen Vorhang, um unsere Botschaft rüber zu bringen: "Lebe und liebe, sei frei, fühl dich geil. - Mache Gebrauch von den Umgangsformen des Safe Sex und nütze deine vorzüglichen, nächtlichen Abenteuer, die dir so vieles versprechen, als Chancen, Liebe zu machen und sie auch fest zu halten."

Abgesehen von den Auftritten, die ich gemeinsam mit Sirius, Bette, Romy, Valentino, Daphne, Trixi, Shawn, Eddy, MikE und anderen Gästen, wie etwa Klaus, Robert oder Michaela hatte, die allesamt, wie Performances, einmalig und vergänglich waren und nur mittels Fotografie und Video dokumentiert wurden, waren wir alle zusammen gekommen, um ausgefallene und grelle Aufmachungen, eindrucksvolles Gehabe und Begebenheiten schwuler Kultur und Erkennbarkeiten mit ebensolchem Humor und gebührender Ernsthaftigkeit zu präsentieren. Darüber hinaus erfolgten mit mir, Eddy und Ilir Aufführungen und eine Menge an Go-Go-Auftritten in anderen Städten in Österreich, die allen Beteiligten sehr viel Freude machten und mitunter auch das Reißerische und Gaunerhafte in uns zur Schau stellten. Die Menge an gelungenen Events, aber auch an Versuchen und Irrtümern mischte uns zusehends immer mehr auf. Die Lebenswege vergröberten sich, Züge von latenter Kriminalität und erlebter Verwahrlosung hinterließen ihre Spuren. Noch überwog aber der "Genius Party".

Ich kam so zur Geschichte der darstellenden und der bildenden Künste, der Musik, der Filmemacherei und in einen weiter führenden Verlauf des Produzierens und des Mitteilens einer Angelegenheit von künstlerischem Interesse. Wir sahen uns zusammen endlos Filme an, hatten unglaublich viel Spaß, Nächte und Tage voll gepackt mit Streitgesprächen und erbauenden Diskussionen und gingen immer noch über vor Tratsch und Drama. Mein Horizont wurde erweitert und angeregt sich für die ganze Welt zu interessieren und das in Form von Videos und Platten über den Globus Kolportierte eifrig zu konsumieren. Sirius hatte einen starken Einfluss auf mich was die Untergrund-Szene betrifft und den so genannten "Special Interest", was soviel wie alternative Wege des künstlerischen Ausdrucks, wie etwa "Splatter" und "Gore"," Horror" und allgemein schwarzen Humor beinhaltet. Was jeder kennt und im Grunde auch dazu gehört, sind die Genres "Porno" und "Martial Arts" (=harte Kampf- und Actionfilme), aber auch das "Exploitation"-Kino, das oftmals zu "Trash" gezählt wird. (z.B.: "Desperate Living" oder "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt.") Ich wurde in Sachen Befreiungsbewegung der Schwulen, die unerwünschte Seite der Kunst, die Post-/Moderne, gesellschaftliche Verhaltensweisen aller Art und die Kraft der Intelligenz unterrichtet.

Ilir kam plötzlich von New York nach Wien zurück. Er nahm an unseren Aktivitäten teil und wurde eine sehr wichtige Persönlichkeit in meinem Leben, der ich viel an Schönheit und Selbstvertrauen zu verdanken habe. Ihm ging es neben den üblichen Ups'n Downs einer Clubkid-Existenz auch immer wieder einmal sehr schlecht, was mir in der vollen Tragweite überhaupt nicht bewusst war. Ich für meinen Teil konnte weder das, noch die Tatsache, dass seine Rückkehr eigentlich bereits in das Ende dieses ganzen letzten Abschnittes von "House Of Sirius" fiel, in ihrer vollen Tragweite erkennen. Dafür war ich schlicht zu jung und unerfahren gewesen.

Den Höhepunkt und gleichzeitig den Schlussakkord gab unsere Gastgeberrolle für einen der zwei großen Aufführungsräume am "Lifeball" im Jahr 1996 im Wiener Rathaus. Parallel dazu wuchs mein Hunger nach Sex und Sinnlichkeit enorm an und ich war immer mehr dazu bereit Sexualität als Basic zu thematisieren. Meine Zeichnungen wurden zu graphischen und expliziten Körperstudien und begannen den Illustrationen des Karma-Sutra zu ähneln. Ich war immer schon begeistert vom männlichen Körper, aber in diesen ersten Stücken erschien etwas Neues für mich, besonders als ich diese Bilder als Gemälde ausführte und das ganze Thema mit Aspekten von Gewalt, Herrschaft und Fetisch zu kombinieren begann. Ich hatte meinen sinnlichen, abwechslungsreichen und schwulen Sex. Meine Neugier und mein Freiheitsdrang waren vollends befriedigt worden, dennoch fühlte ich mich nach mehr verlangend und ich sehnte mich plötzlich nach eleganter Homo-Erotik und zuckersüßer, gleichgeschlechtlicher Liebe.

Für die anderen des "House Of Sirius" kam ebenfalls ein von uns noch völlig unbemerkter Punkt aufzubrechen. Jürgen experimentierte wieder mit den verschiedensten Substanzen, was er seit ich ihn kenne, tat, nur wurde es für ihn und die ihn Umgebenden jetzt viel offensichtlicher. Wir wurden launisch und waren wenig motiviert, tiefere Gründe aus jedes einzelnen Seele tauchten auf und durchbrachen die Oberfläche. Gründe, die wir mit unseren Mitteln des Zurechtkommens nicht erreichen konnten, übernahmen das Ruder. Ich erinnere mich an Daphne, alias Roland, als er bei mir am Telefon hing und mit Sirius, alias Hans, über dessen unerwartet HIV-positiv getesteten Lebenspartner und die für die beiden somit völlig unerwartet eingetretene, neue Situation sprach.

Obwohl ich seine Worte am anderen Ende der Leitung nicht hören konnte, spürte ich was geschehen war und Hans plötzliches Misstrauen mir gegenüber, um nicht weiter von meiner Person beeindruckt zu sein. Von diesem Augenblick an wusste ich, dass unsere gemeinsame Basis, das herzliche Miteinander und später auch unser gesunder Menschenvorstand vorbei und weg waren. Ich war über Nacht damit konfrontiert, nichts anderes mehr als Erinnerungen zu besitzen. Wir hatten uns alle urplötzlich verändert und waren dem was somit geschah, ausgeliefert. Ich beendete meine Romanze mit Florian, der meine ganze Lage noch verschlimmert hatte, indem er mich mit den Tatsachen und einem abrupt aufgeschlagenen, neuen Kapitel in meinem Leben mir selbst überließ. Ich begann im Sozialbereich zu arbeiten, nach den Nachtklubauftritten und einem extremen Stil war ich einfach da für diesen Beruf, der mir als mögliche Einkommensquelle erschien, als eine Möglichkeit Abstand vom ewigen Kater der Szene zu gewinnen und den ich schlichtweg auch von meinem Charakter her machen konnte. Ich habe stets Mitgefühl für behinderte Menschen empfunden, für ihre Art mit der Welt umzugehen und ich fand sie ebenso für mich bedeutungsreich vor. Mit ihnen zu arbeiten, wurde für mich so interessant wie in einem der Szenelokale aufzutreten. Was ich dann auch immer wieder einmal tat, aber es war an mir auf eine andere Ebene zu gelangen.

Ich brauchte dringend etwas frische Luft und eine persönliche Weiterentwicklung. Heute denke ich über diese Phase, dass ich selbst durch das Schicksal behindert gewesen war. Ich verstand, dass ich auf eine selbständige Weise mit all dem Schmerz, den ich in meinem Leben erlitten hatte, fertig werden, diesen verarbeiten und innovativ mit diesem in mir vergrabenen Schatz umzugehen lernen musste. "Musste" ist in diesem Fall leider der einzig richtige Ausdruck, anderenfalls hätte ich mir nur das Leben nehmen können, was leider immer noch sehr viele schwule Jugendliche und Erwachsene aus Verzweiflung über ihre Lebenssituation tun. Jürgen half mir dabei zu überleben, als er mir eines Tages einfach auf den Kopf hinzu sagte, dass ich doch noch längst nicht alles auf dieser Welt gesehen hatte. Er hatte recht. Nichtsdestotrotz war ich aufgefordert auf meine Art, zu meinen Bedingungen das Sterben zu lernen, indem ich begann vieles von dem was mir wichtig erschienen war, loszulassen. Um dadurch wiederum neu beginnen zu können. Ist das nicht verrückt?!

Ich fing wieder zu schreiben an und die Bilder wuchsen nebenher weiter. Die Geschichten und Gedichte waren bewegend und voller Metaphern. Die Farben verströmten sich regelrecht und konzentrierten sich auf dem Papier zu verschwitzten Fantasien, die ich auch tatsächlich Tag und Nacht durchlebte und durchwachte. Nicht ohne Grund nannte ich einen bestimmten Teil dieser Werke von 1997- 1999 "An-Vil", was ich aus den englischen Wörtern "Angel" und "Devil" ableitete und überdies der Name einer heute nicht mehr existierenden, riesigen Schwulendiskothek war. Dieses Wort heißt im Englischen aber auch "Amboss", was ich im Nachhinein sehr passend finde, da ich wirklich Schwerstarbeit leistete.

Ich sah mich einer großen weiten Welt gegenüber gestellt, um bei mir selbst einzukehren. Während ich über meine Vergangenheit und all die Dinge, die geschehen waren, nachdachte, unternahm ich Reisen nach Berlin, wo ich Eddy wieder traf, nach Amsterdam, um dort überglücklich zu werden und nach New York, wo ich eine Wochenendaffäre mit Adam dem Zweiten hatte und ich es einfach großartig genoss von allem wieder eine klarere Vorstellung zu erlangen. Meine Dialoge waren kurz, als das Telefon zu klingeln aufhörte und ich begann meinen Weg noch bestimmter zu verfolgen, als ich es jemals zuvor getan hatte. Ich beendete meine ständige alkoholische Gehirnwäsche und vertiefte meine psychologische und psychotherapeutische Wissensaufnahme. Meine Bettgefährten waren Männer, denen ich an ungewöhnlichen oder seltsamen Orten auf verschiedenen Kontinenten begegnete und die mich überleben und Hoffnung schöpfen ließen. Wir hatten Flugzeuge zu erreichen, aber wir fassten die Gelegenheiten beim Schopf einander in die Arme zu fallen. Einige dieser Eindrücke konnte ich künstlerisch festhalten.

Die kreative Arbeit in Wien ging nicht gänzlich vor die Hunde, da ich einige Leute wie Patrick und trotz allem auch Hans dazu motivieren konnte, spontan an einigen Fotoserien teilzunehmen, oder uns auf irgendeine Art gegenseitig bei einem kreativen Projekt zu helfen. Dazu erreichte ich einen anderen Zustand in meiner theoretischen und praktischen Auseinandersetzung über Kunst, die Gesellschaft und alles noch verdammt übrig Bleibende. Meine ganzen Angelegenheiten hatten sich verkompliziert und vervielfacht, und das ohne mein ausdrückliches Wollen oder Zutun, es passierte einfach. So war ich auf der anderen Seite gehetzt, ohne Plan und hilflos wie ein kleines Kind. Die Dinge, die klappten, funktionierten auf bizarre Weise und ich versuchte beständig mehr Informationen zu sammeln. Ich überlegte auszuwandern. Erst als ich wieder in Kontakt mit meinen Eltern kam, die anfangs geschockt und frustriert über meine ganze Art zu sein und jahrelang Teil der negativen Clique in meinem Leben waren, nützte ich diese Wendung meines Schicksals, um ihnen und auch mir selbst meinen Standpunkt noch deutlicher vor Augen zu führen.

Sie wussten beizeiten schon, dass ich schwul bin, kannten meinen künstlerischen Aufmarsch und einiges von meinem Lebenswandel in Wien, da sie überdies ein paar meiner Freunde und Lover kennen gelernt hatten, aber ich kam nicht umhin ihnen trotzdem die Wahrheit direkt in ihre Gesichter zu sagen. Nach einem geplant-überraschenden Coming-out zu Weihnachten, gaben sie ihren liebevolleren Gefühlen mir gegenüber nach und begriffen, dass sie mich über Strecken falsch verstanden hatten. Später halfen sie mir ein neues Apartment zu finden. Für mich wieder eine Gelegenheit neu anzufangen. Als ich dann in meine Wohnung nahe der Donau einzog, half mir ein Typ, den ich später nie wieder sah, bei der Übersiedlung mit all meinem Gepäck dorthin zu gelangen; Diese Geschichte ist mit Abstand eine der aussagekräftigsten jener Zeit für mich.

Im Jahr 1999, dem Millenniumsjahr 2000 und anschließend in 2001 hatte ich den Eindruck an allen Fronten gleichzeitig zu kämpfen. Ich möblierte und richtete die Wohnung ein, was zur Arbeit an einem Kunstwerk wurde. Einen Trend setzend, wollte ich darin etwas verwirklichen, das ich bis dahin noch nie gesehen hatte. Farben, Gegenstände und Innenraumgestaltung waren für mich völlig frisch. Die Idee bis an die brutale Basis modernen Designs zu gehen und es dann zu vibrierenden Leben zu erwecken, war niederschmetternd und aufbauend zugleich. Selbst jetzt einige Jahre später langweilt mich diese Arbeit nicht, noch empfinde ich sie als überholt. Ihr seht, dass sich meine Begabungen ein bisschen verlagert haben. Die Gemälde verwandelten sich von einem Punkt an zur Architektur und umgekehrt. Ich erfand dafür einige der notwendigen Farben, da ich auf der Suche nach einem bis dato mir unbekannten Farbeindruck war, außerdem ließ ich sie für sich selbst und in einer starken Wirkung zu einander stehen. Die Schriftstellerei blühte sehr visuell und in der Wortwahl gerade für Sexualität ausdrücklich. Die Fotographie begeisterte mich zusehends wieder und spielte in meiner Visualisierung eine große Rolle. Konzepte der Tiefenpsychologie wurden mir wichtig als ich meine Ausbildung als Lebensberater beendete und mich diesen Arbeiten widmete. Da ich weiterhin viel mit anderen Menschen zu tun hatte, wurden auch sie mehr und mehr eine Quelle der Inspiration für mich. In vielerlei Hinsicht musste ich mich in die Vorgänge der Erziehung und einer weit verbreiteten Ausübung von Macht und Ohnmacht hineinknien.

Ich entdeckte meine Anteilnahme an SM. Ich hatte bereits eine Idee von Sadomasochismus aus meinen früheren, masochistischen Erfahrungen, wie Atemkontrolle oder einem zeitweiligen Faible für Hammer große Schwänze, aber vor allem durch die in meinen Bildern noch unreflektiert vorherrschenden Themen, die ja einfach da - in mir - sind. Aber es dauerte doch eine ganze Weile bis ich das alles richtig wahrnehmen konnte. Das hatte auf einem nicht gegenständlichen Niveau auch Auswirkungen auf meine kreative Auseinandersetzung, da ja Abstraktion auch sehr viel mit der Auflösung und der Zerstörung des Körperhaften und dessen Vorstellung in der Erinnerung zu tun hat.

Die Menschen, die mich damals umgaben, wie etwa Jürgen und Ilir, aber auch Bernd und Stephan waren sowohl entsetzt, als auch angezogen von meiner Meinung diesbezüglich. Ich verwickelte sie in Diskussionen und Argumente, die brillant und für uns alle befreiend und rettend waren. Ab 2004 lud ich sie des Öfteren ein an meinen beginnenden Videoexperimenten mitzumachen, die vor allem das als schlicht vorhanden Gesehene aufzeichnen und gefühlsmäßige, wie gedankliche Abläufe in allen Teilnehmern hervorrufen sollten. Langsam, aber unumkehrbar fing ich wieder an mich nach Körperlichkeit und Sichtbarkeit zu sehnen. Ich war auf ein Neues von den Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes fasziniert und darüberhinaus von verschiedenen Anreizen für mich bis dahin unbekannter Bewegungen, welche besonders aus dem tiefen Zusammenspiel der eigenen Gefühle mit dem eigenen Körper entstehen.

Zu all dem erweiterte sich auch meine Bearbeitung des künstlerischen Materials mittels Computer, den ich einerseits als eine enorme Hilfestellung, andererseits aber auch schon von Anfang an als Quelle der Eingebung für grundlegende Gerüste ansah. So ähnlich wie auch Farben und Untergrund mit mir zusammen spielen. Ich bin jetzt schon gespannt was als nächstes kommen wird, wie ich damit forme und ebenso dadurch geformt werde. Hiermit gelangen wir unmittelbar in die Gegenwart und meine künstlerische Arbeit im Hier und Jetzt. Ich konzentriere mich erneut auf den männlichen, nackten Körper. Die Männer, die bisher für Akte Modell standen und mit mir Videos und Bilder realisierten, machten viel Gebrauch von meinen Ideen und konnten sich damit auf ihre Art damit identifizieren und sich vollends ausleben. Schaut uns an, seht uns dabei zu und erlebt auch euch selbst dabei!

Zur visuellen Auseinandersetzung kam auch der Sound, der mich in Kombination mit Bildern, als auch für sich alleine genommen, wiederum zur Komposition angeregt hat. Zusammen mit Stimme und Worten begebe ich mich in Richtung der Gestaltung eines künstlerischen Umfeldes, das anderes beabsichtigt als Weltflucht oder schmeichelnde Berieselung und das sich hervorragend für das Medium des Internets eignet.

Während ihr euch nun in diese von mir sehr sorgsam entfaltete Inszenierung begebt, werdet ihr zu einem Teil von CIR und von diesem Moment an steigt ihr ebenso in eure schöpferische, wie verborgene Gedanken- und Gefühlswelt ein. Ihr könnt euch mit den verschiedenen, in der Inhaltsangabe aufgelisteten Angeboten spielen, anhand dieser eure persönliche Route nehmen und euren besonderen Interessen nachgehen, einen Dialog herstellen oder einfach den Nachhall empfinden. Lest, seht, hört und antwortet auf das Material und dessen innerstes Wesen.

Ich hoffe, dass ihr leicht einsteigen könnt, euch voll einbringt und nicht so bald wieder von der Bildfläche verschwindet!

Christopher





-->"Wherever&Whenever1"

-->"Cintro1-frames&faces-MIX"

-->"he is there now."

-->"VISUAL MAGIC"

-->"THIS SENSUAL CHAOS"

-->"A Time With ..."